2312
Review
2312 von Kim Stanley Robinson ist einer dieser Science-Fiction-Romane, die an erster Stelle eine geführte Version durch die Gedankenwelt ihres Autors sind, und erst an zweiter Stelle eine Geschichte erzählen.1 Dieses Konzept kann furchtbar schief gehen, aber wenn es funktioniert, dann ist es spektakulär. Genau das ist Robinson mit 2312 gelungen.
Die Zukunftsvision Robinsons fußt auf unserem gegenwärtigen Verständnis der technischen Möglichkeiten. Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit oder Teleportation sucht man vergebens. Trotzdem–oder gerade deswegen–ist die Ideenwelt von 2312 eine der faszinierendsten, die mir je begegnet sind. Dies liegt vor allem an der schlichten Freude am Nachdenken, die man auf jeder Seite spüren kann. Robinson hat nicht nur gegenwärtige technische Konzepte–Weltraumaufzug, Terraforming, Quantencomputer–aufgegriffen, sondern sich auch Gedanken gemacht, was solche Technologien auslösen können. Er fragt sich, was es für Herausforderungen gibt, und was für gesellschaftliche Veränderungen es hat, wenn sich die Menschheit im ganzen Sonnensystem niederlässt.
Es bleibt aber nicht bei solchen weitreichenden Gedankenspielen. Besonders charmant sind auch die kleinen Details. Zum Beispiel der Einfall, dass im Jahr 2312 die meisten Kunstwerke auf Venus gelagert werden, weil dort eine bessere Umgebungskontrolle möglich ist als auf der dreckigen, halb ertränkten Erde.
Robinson hat einen geschickten Weg gefunden, nicht alle Ideen in der Erzählung unterbringen zu müssen: Es gibt Zwischenkapitel, die sehr zutreffend mit “Fragments” betitelt sind. In diesen werden Ausschnitte aus Lehrbüchern, Artikeln und anderen schriftlichen Erzeugnissen seiner fiktionalen Zukunft dargeboten. Dabei wird ein zutiefst beeindruckendes Feuerwerk an Ideen abgebrannt.
Es wäre leicht, zu behaupten, dass diese “Fragments” die Highlights des Romans sind, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Wichtiger noch sind die Bilder, die Momente der puren Schönheit, die Robinson seiner Zukunftsvision abringt. Das überschwemmte Manhattan, das als neues Venedig eine Renaissance erlebt, oder Terminator, die Stadt auf Merkur, die auf Schienen dem mörderischen Sonnenuntergang entflieht. In solchen Augenblicken sinkt die Lesegeschwindigkeit, während im Kopf die Landschaftsmalerei beginnt.
Vor diesem Hintergrund spielt sich die Geschichte des Romans ab, die als Verschwörungsgeschichte beginnt und als Liebesgeschichte endet. Ihre große Stärke ist sicherlich nicht ihr wendungsreicher, actiongeladener Ablauf, sondern die Zeichnung der beiden Hauptcharaktere und die Dialoge, die sich zwischen ihnen ergeben. Besonders herausragend ist sie allerdings nicht, aber sie stört nicht beim Schlendern durch Robinsons Zukunftsvision.
Alles in allem kann ich 2312 nur empfehlen, allein schon als Gegenpol zu dem ganzen Post-Singularitätskram, den ich sonst lese. Ich vermute, dass das Buch am meisten Spaß macht, wenn man schon vorher Kontakt mit Science Fiction hatte und ein wenig vertraut mit den verschiedenen Richtungen in diesem Genre ist. Als Einstieg in dieses faszinierende Feld sei an dieser Stelle Accelerando empfohlen, als Singularitäts-Höllenritt-Gegenpol zum dann doch recht zahmen 2312.
2312 kann hier bei Amazon2 bestellt werden, aber für eine Papierversion würde ich euch gerne ans Herz legen, mal den lokalen Buchladen eurer Wahl 3 zu fragen. Die bestellen gerne auch obskure Bücher und haben eine Seele.
1 *hust* hust* Herr der Ringe *hust* *hust* *duck* ↩
2 Achtung, Affiliate-Link. Ihr kennt das. ↩
3 In meinem Fall wäre das die Stephanus-Buchhandlung. ↩
Objektivisten unter Wasser ∞
Ein wunderbares Essay über Bioshock, das auch genau die richtige Mischung zwischen inhaltlicher Diskussion und Kommentar zur Umsetzung hat. Der Autor, Björn Wederhake, verbringt sehr viel Zeit mit den philosophischen Themen, mit den Hintergründen, mit Charakteren und Story, und sehr wenig mit fruchtlosem Gejammer über Spielmechanik und technische Details.
Das passt mir ganz gut, weil mir bei den meisten Spielen die Mechanik früher oder später auf die Nerven geht. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr so viel Freizeit wie früher habe, aber irgendwie komme ich mir albern dabei vor, stundenlang Gegnerhorden über den Haufen zu schießen, bis endlich mal die großartige erzählte Geschichte weitergeht. Ich hätte stellenweise viel lieber meine Ruhe, um das World Building zu bewundern. Denn das können Spiele unglaublich gut, und bei Bioshock waren offenbar Meister am Werk. Auch wenn ich mir noch etwas mehr Tiefe (ha!) gewünscht hätte. Da bin ich vermutlich von den Elder-Scrolls-Spielen verwöhnt…
So, ich gehe jetzt Bioshock Infinite weiter spielen. Was mir noch viel besser als das alte Bioshock gefällt, und mir eine leichte Obsession mit Billy Murray eingebracht hat.
Photos Paris
Ich habe vor ein paar Tagen mit meinen Eltern einen Wochenendausflug nach Paris unternommen, was ja dank Airbnb und dem TGV fast schon bestürzend einfach ist. Dieses Mal hatte ich meine neue GX1 im Gepäck. Weil diese Kamera perfekt in meine Jackentasche passt, eignet sie sich besonders gut für Menschen wie mich, denen es beinahe körperliche Schmerzen bereitet, wie ein Tourist zu wirken. So kann ich mir zumindest einbilden, unauffällig zu sein. Natürlich nur bis zu dem Moment, in dem ich in die Tasche greife, in die Hocke gehe und wie wild auf den Knöpfen der GX1 herumdrücke.
Dynamo, so heißt die momentan im Grand Palais laufende Ausstellung über kinetische Kunst der letzten hundert Jahre. Nachdem man mich an der Garderobe dazu gezwungen hatte, meine Kamera mitzunehmen, war ich beinahe gezwungen, sie zu dokumentieren. Dynamo ist im Übrigen eine faszinierende Ausstellung, die sehr gut die unglaubliche Bandbreite an Ideen, die man in der Kunst findet, verdeutlicht. Ich war allerdings irritiert, mit welcher Sorglosigkeit die teilweise jahrzehntealten Arbeiten im Dauerbetrieb ausgestellt wurden.
Chlorophyll im Abendlicht finde ich unwiderstehlich, da muss ich einfach die Kamera zücken. Interessanter als meine seltsamen Photo-Fetische ist allerdings das, was vor diesem Photo passierte: Der Besuch im Abercrombie & Fitch-Store. Diesen zu betreten war mit Abstand die bizarrste Erfahrung in diesem Urlaub.
Der Store besitzt keine Schaufenster, zur Champs-Élysées zeigt nur seine Rückwand. Zur linken muss man durch ein großes, schwarzes Tor schreiten und einen heckengesäumten Weg entlang wandeln, um schließlich zum Eingang zu kommen. Wer eintreten will, muss erst an einem jungen Mann vorbei, der nur eine Hose und ein Jackett trägt. Auf Zuruf entblößt er seinen durchtrainierten Oberkörper für die Kunden.
Innen: Penetranter Deo-Geruch, wummernde Beats, mehrstöckige Dunkelheit und Wandgemälde, die unangenehm an einen Sportpalast in den 1940ern erinnern. Überall stehen Verkäufer, die verträumt vor sich hin tanzen. Offenbar werden hier nicht nur Klamotten, sondern auch Ideale verkauft. Desorientiert und mit einem starken Bedürfnis, Pattern Recognition ein weiteres Mal zu lesen, verließ ich dieses Inferno von einem Laden.
Die nächsten Urlaubstage bestanden, wie ich es auch am liebsten habe, aus ausgedehnten Stadtspaziergängen. Ich finde, dass man Städte am besten zu Fuß erlebt, schlendernd von Ort zu Ort. Sie treiben lassen, genießen, dass eine andere Sprache den Hintergrund bildet, und gelegentlich ein Photo machen. Letzteres ist natürlich optional, aber irgendwie tut es ganz gut, eine Kamera in der Tasche zu haben. So schweift der Blick noch mehr, immer auf der Suche nach interessanten Motiven…
Never Hate a Movie ∞
Film Critic Hulk is quickly becoming one of my favourite writers on the internet, and this essay has played a large role in that. It’s his mission statement for the movie columns he writes for Badass Digest. He quite eloquently–despite his caps lock obsession and hulk-speak–explains why nobody should ever hate a movie: It doesn’t lead to interesting conversation, and it’s an intellectual dead end. The fact that he got this idea from Quentin Tarantino makes it even more relevant.
This approach isn’t limited to film, of course. Unequivocally hating any piece of culture is mostly a waste of time, it’s far more interesting and rewarding to ponder the reasons behind disliking something. The extreme version of this is instinctively disregarding entire new mediums or genres, which is a shortcut to becoming an incredibly tedious person. Nobody likes the guy that just scowls when you mention video games or hip hop.
Anyway, where was I? Ah, the essay. It’s great, go read it. But be warned: It kind of makes you want to absorb a lot of culture, which might be inconvenient if you’re planning on being productive today. Except if you consider that kind of thing productive. Which it probably is.
Baum in Blau
Hashtags considered #harmful ∞
Some people seem to feel a need to hashtag1 every second word of their tweets. I don’t really understand why, maybe it’s because we all have been told that they are good for “increasing your reach”2, but it’s driving me nuts. It makes reasonable, smart, cool people sound like soulless social-media ding-dongs.
In this article, Daniel Victor examines the futility of using hashtags to get more followers, and then nails the productive uses for them:
They’re great for gathering small groups of people; […] When kept to a small scale, they can ably perform their service as a filter of relevant tweets (#EastVillage is more manageable than #NYC). They can be useful for subtext; we’ve all sent emails and text messages that should have had #sarcasm attached. The New York Times started the #snowku hashtag to gather snow-themed haikus during a February snowstorm.
They also work great for context, for example, when brain-dumping about Star Trek: The Next Generation, it’s often easier to write #tng than to explain that I’m watching a twenty-odd years old TV show.
(Web) Census 2012 ∞
While playing around with the Nmap Scripting Engine (NSE) we discovered an amazing number of open embedded devices on the Internet. Many of them are based on Linux and allow login to standard BusyBox with empty or default credentials. We used these devices to build a distributed port scanner to scan all IPv4 addresses.
This has to be one of the coolest hacks of all time.
NYC Past ∞
The DOAT is on fire today!
(But, seriously, what an amazing bunch of photos.)
Thumbs and Ammo ∞
News from the Department of Awesome Tumblrs.
Schloss Gottesaue
Humanity’s Deep Future ∞
I haven’t read an article this long in one sitting in quite a while, but this one is just too good to stop midway. It’s a report on Oxford’s “Future of Humanity Institute”, and the scenarios for the faraway, “deep” future that are put together there. These scenarios would make great science fiction novels, at least one has already been discussed in Charles Stross’ excellent Accelerando.
Jason Kottke quotes a lengthy section of the essay as “the most harrowing thing I’ve read in months”, and he is right. Taking a look at the future is not always pleasant, but it certainly gives you a bit of perspective. To finally quote Robin Sloan:
Mostly we talk about vanishingly tiny things. And then, every so often, a writer like @andersen asks us to stretch.
And I stretch with pleasure.
The Brighton Pier
Taken last year on vacation with pfleidi. We picked a windy, slightly rainy day for our trip to Brighton and consequently had the pier almost to ourselves. There was something magical about this empty, rusting theme park out on the sea. It almost feels like a discarded movie set.
This is also the test post for my shiny new photo post feature in octolog… if you feel like checking it out, head over to Github.
Solace ∞
Great ambient music, glorious artwork and, above all, a beautiful idea: Solace, the soundtrack to a nonexistent game.
I’m listening to this while slogging through the basics of electrodynamics, an unexpected, but very pleasant match.
The 2013 Sony World Photography Awards ∞
The Atlantic has compiled a collection of some photos shortlisted for the 2013 Sony World Photography Awards, and they are utterly stunning. Head over there now.
I’m quite bummed that there seem to be no high-res versions of the images available, they would make excellent wallpapers.




















